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GINO – DER TAUSENDSASSA VOM KOMANI-SEE

Er kennt alle Schlaglöcher auf den Straßen und alle Menschen am Weg von Shkoder nach Koman. Er ist Bote, Chauffeur, Reiseleiter, Organisator, Mechaniker und, wenn's sein muss, auch Schiffskapitän. Sein Name ist Gino und ein Ausflug mit ihm zum albanischen Komani-See brachte so manch unvorhergesehenen Halt und unvergessliche Überraschung mit sich. Nehmen Sie sich Zeit zum Lesen und gehen Sie mit Günter Botteschs Text auf Reisen.

Montag, 26. Juni 2018. Endlich Albanien. Nach einer Zwischenstation in Novi Sad (Serbien), acht Stunden Autofahrt über serbische Landstraßen und die eindrucksvolle Zlatibor Hochebene sowie einem weiteren Zwischenstopp in einem Motel nach der serbisch-montenegrinischen Grenze, lassen wir Montenegros Hauptstadt Podgorica links liegen und reisen über den Grenzübergang Hani i Hotit am Skutari-See nach Albanien ein. Meine Frau und ich, in unserem Mini Cabrio.

 

Albanien?, fragten die meisten unserer Bekannten ungläubig und zugleich naserümpfend, als wir ihnen unsere heurige geplante Urlaubsdestination nannten. „Blutrache gibt’s fast nicht mehr und wenn, dann nur in kleinen Bergdörfern und unter den dort lebenden Familien. Ansonsten wüsste ich nichts, was dagegen spricht“, antwortete ich dann meistens. Der Grenzübertritt bestätigt meine Annahme. Kein Grenzstau, keine Grenzschikanen, kein Flüchtling oder Flüchtlingslager, keine Maut, kein Staub, kein Gestank, keine blutrünstigen Gestalten. Dafür die ersten Pferdefuhrwerke, Radfahrer, Fußgänger (wo gehen die hin?) und Schlaglöcher auf der an sich wenig befahrenen Landstraße.

 

Ich beobachte einen jugendlichen Roma wie er die Gartenmauer eines Hauses mit Kreide markiert. Habe einmal gelesen, dass Roma das tun, um nachfolgenden fahrenden Volksangehörigen zu signalisieren, dass der Haus- bzw. Grundstücksbesitzer nichts dagegen hat, wenn das Lager auf diesem Grundstück aufgeschlagen wird. Diese Erklärung ist mir sympathischer als jene, dass das Haus als potenzielles Einbruchsobjekt markiert wird.

 

Wir fahren nach Shkoder, Albanies viertgrößte Stadt, ein. Es herrscht viel Verkehr, vor allem viele Radfahrer. Die Stadt ist bekannt dafür, dass auch viele Frauen hier Rad fahren. Auffällig ist die tiefe Sitzhaltung von Männern und Frauen am Rad.

Die tiefe Sitzhaltung der Radfahrer in Shkoder ist weit verbreitet

Ergonomisch betrachtet, erscheint uns der „Shkoder-Sitz“ als ungemein typisch, jedoch wenig gesundheitsfördernd. Skurrile Gefährte überholen uns rechts und links – motorisierte Dreiräder, alte sowjetische Mopeds, Fuhrwerke, die von Pferden aber auch Eseln gezogen werden. Die Fahrtrichtung wird hier wenig ernst genommen. Am Einfahrts-Boulevard, dessen Fahrspuren durch einen Grünstreifen getrennt sind, kommen immer wieder Fahrräder und Mopeds auf der gleichen Fahrspur entgegen.

 

Fehlt da vorne ein Gullydeckel auf der Straße? Das Moped vor mir macht jedenfalls einen Bogen, also mache ich ihn auch. Ein fehlender Gullydeckel mitten auf der Haupteinfahrtsstraße? Da muss ich mich wohl verschaut haben. Ich blicke nach links auf ein rundes Loch. Ich habe mich nicht verschaut. Wäre ich mit dem Mini da hinein gefahren, hätten wir wohl einen Achsbruch erlitten und der Albanien-Urlaub wäre kurz und schmerzvoll zu Ende, bevor er noch so richtig begonnen hätte. Wir nehmen uns vor in Zukunft noch vorsichtiger zu fahren. Links und rechts der Einfahrtsstraße säumen immer mehr Geschäfte den Wegesrand. Die Waren werden großteils am Gehsteig angeboten. Kleider, Schuhe, Gemüse, Obst, Haushaltswaren. Es ist ein riesiger kilometerlanger Flohmarkt.

 

Wir erreichen den zentralen Verkehrsknotenpunkt der Stadt (Shesti Demokracia). Unser Hotel liegt in unmittelbarer Nähe. Die Zufahrt ist nicht leicht zu finden, zumal sie auch auf der anderen Boulevard-Seite liegt. Ich mache einen verbotenen U-turn, habe aber kein schlechtes Gewissen dabei. Der Privatparkplatz vor dem Hotel, das früher einmal eine Privatvilla war, hat schon auf unseren Mini gewartet. Die dreistöckige Villa sieht, abgesehen von dem hellgrünen Anstrich, ganz gut aus, wenngleich die Bilder auf booking.com das davorstehende etwa achtstöckige Grand Hotel Europa verheimlicht haben. An der Rezeption sitzt ein Jugendlicher mit blütenweißen Hemd. In gutem Englisch begrüßt er uns und fragt auch gleich ob wir für den nächsten Tag schon was vor hätten. Ich sage ihm, dass wir einen Ausflug an den Komani-Stausee planen, aber noch nicht wüssten, ob wir mit dem eigenen Auto fahren oder uns die knapp 40 Kilometer bis nach Koman, dem einzigen Ort am See, führen lassen sollen. Der Ort Koman wird übrigens gleich ausgesprochen wie der Komani-See. Das i bleibt stumm. Ich finde das seltsam.

 

Laut Reiseführer gehen von Koman nach Fierse Autofähren, die in jede Richtung etwa drei Stunden brauchen. Die Fahrt über den Stausee soll ein ganz besonderes Naturerlebnis sein. Das wäre eine ganz ausgezeichnete Idee, befindet der Rezeptionist und er könne alles für uns organisieren. Ein Bus könnte uns um 6.50 in der Früh abholen, zur Fähre nach Koman bringen, die um 9.00 Uhr abfährt. Um 16.00 Uhr wären wir mit der Fähre dann wieder in Koman, von wo uns der Bus wieder zurück ins Hotel bringt. Nach dem Check-in in unser Zimmer und kurzer Besprechung entscheiden wir uns für die Komfort-Ausflugsvariante mit Abholung und Heimbringung durch den vermeintlichen „Touristen-Bus“. Kurz überlegen wir, ob wir uns das 6-stündige Fähren-Fahrerlebnis ersparen sollen und stattdessen im Stausee baden gehen sollen, entscheiden uns dann aber doch für das Komplett-Paket. Das Zimmer übertrifft übrigens alle Erwartungen. Zirka 35 Quadratmeter groß, geschmackvoll geblümte Bettbezüge am modernen Boxspring-Bett, graues Sofa und zwei Fauteuiles in gleicher Farbe, Flachbildfernseher, großes Bad, zwei riesige Fenster mit schönem Ausblick in die entgegengesetzte Richtung des Grand Hotels Europa. Wir sind beeindruckt. Das Zimmer kostet inklusive Frühstück für 2 Personen 50,- Euro. Es sollte das teuerste aber nicht beeindruckendste Zimmer unserer Albanien-Reise bleiben. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Ein entspannter Tag am Ausflugsschiff, mit bequemen Busservice, nach der anstrengenden Anreise, als Einstieg in den Albanien-Urlaub – das war der Plan, den wir auch an der Rezeption mitteilen. Dort sitzt inzwischen ein etwa 20-jähriges Mädchen mit einer riesigen Zahnspange, die ihren Arbeitskollegen, der verdächtig nach ihrem Bruder aussah, abgelöst hatte. In wiederum ausgezeichnetem Englisch teilt sie uns nun mit, dass der Fahrer uns um 6.15 Uhr in der Früh abholen würde, damit wir die Fähre auch sicher erreichen. Die Kosten betragen für jede Autofahrt fünf Euro/Person und für jede Fährfahrt ebenfalls fünf Euro/Person. Hin und retour gesamt also 40 Euro. Für 80 Kilometer Autofahrt und eine 6-stündige Schifffahrt wohlfeil, wie wir meinen. Die Rezeptionistin händigt uns eine gedruckte Fähren-Fahrkarte aus und schreibt handschriftlich auf die Rückseite „for 2 Persons“. Ich finde, dass soll sich die albanische Finanz mit den Organisatoren ausmachen. Dass der Kollege der Rezeptionistion uns 6.50 Uhr als Abfahrtszeit genannt hatte, war übrigens wohl ein Hörfehler meinerseits, wenngleich ich nicht verstehen kann, warum für eine Autofahrt von knapp 40 Kilometern fast 3 Stunden Fahrzeit eingeplant werden. Das Verständnis sollte sich am nächsten Tag einstellen.

 

Dienstag, 27. Juni, 6.10 Uhr. Fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit taumeln meine Frau und ich zur Rezeption. Dort nehmen wir ein liebevoll in Alu-Folie verpacktes Lunch-Paket, bestehend aus zwei Sandwiches mit Schinken, Schafkäse und Joghurt, in Empfang. Das Wetter ist schlecht. Es regnet leicht. Vor dem Hotel wartet bereits ein etwa 45-jähriger drahtiger Mann mit Vollglatze, sportlich bekleidet mit grünem T-Shirt und grauer langer Hose. Offensichtlich unser Busfahrer und wir finden es sehr nett, dass er uns vor dem Hotel erwartet. Wir sagen „Hello“, er sagt „Hello“ und geht schnellen Schrittes vor uns über die Hoteleinfahrt und die beiden Spuren des Boulevards zum Auto. Es handelt sich dabei aber nicht um den erwarteten Bus sondern um einen Ford Pick-Up unbestimmt älteren Baujahres. Unser Fahrer geht nach rechts vorne. „Soll ich jetzt selbst fahren, haben wir ein self-driving gebucht?“ frage ich meine Frau. Da bemerken wir, dass es sich bei dem Ford um ein englisches Modell handelt, dessen Fahrerseite rechts ist. Der Pick-Up hat vier Sitzplätze, von denen der rechte hintere durch frisch gewaschen Bettwäsche und Handtücher belegt ist. Meine Frau setzt sich auf den freien hinteren Sitz während ich am Beifahrersitz Platz nehme. Unser Fahrer parkt wortlos aus und beschleunigt innerorts schon mal ganz ordentlich. „Gino“ sagt er dann kurz danach und zeigt auf sich. Wir stellen uns auch namentlich vor und damit ist vorläufig einmal alles gesagt.

 

Meine Frau teilt mir mit, dass sie sich nicht anschnallen kann, da ihr Gurt keine Schließe hat. Meine Bemerkung, dass es sich um ein englisches Auto handle und der Verschluss des Gurtes wahrscheinlich auf der anderen Seite ist, hätte ich mir sparen können. Nach etwa vier Minuten Fahrt biegt Gino plötzlich von der Hauptstraße nach rechts in eine Einfahrt hinter einem Wellblechzaun ein. „Na super“, denke ich mir. „Jetzt kommen wahrscheinlich seine Freunde und wollen unser Geld oder sonst was von uns. Ich gebe ihnen zuerst einmal die Fahrkarte für die Fähre und mache sie darauf aufmerksam, dass sie für 2 Personen gilt“, lege ich mir gedanklich bereits einen Verhandlungsplan zurecht. Meine Informationen, dass Albanien eigentlich ein sehr sicheres Land ist, sind offensichtliche Fake-News. Die trumpsche Überlegung erweist sich schnell als völlig falsch.

 

Bei dem Ort hinter dem Wellblechzaun handelt es sich um einen Markt mit vielen Wellblechhütten. Großmarkt wäre bei den etwa 20 Hütten zuviel gesagt, groß genug um Ginos Einkaufswünsche zu erfüllen, ist er allemal. Gino nimmt eine Liste aus der Mittelkonsole des Fords und ich erblicke dabei ein Geldbündel mit Lek- und Euroscheinen bunt gemischt. „Uno minuti“ sagt Gino nun auf italienisch und verschwindet für ein paar Minuten in einer der Hütten. Während dessen läutet sein Handy (kein Smartphone!) mehrmals. Ich möchte es ihm bringen, kann ihn aber nicht finden und in die dunklen Tiefen der Wellblechhütten traue ich mich nicht hinein. Nach ein paar Minuten taucht Gino wieder auf, bunkert ein paar Kisten auf dem Wäscheberg neben meiner Frau und weiter geht die Fahrt.

 

Wir fahren auf der Hauptverkehrsroute von Shkoder Richtung Tirana. Für die Uhrzeit ist schon relativ viel los. Fußgänger, PKWs, LKWs, Radfahrer, Pferdefuhrwerke, Mopeds – alles bunt gemischt. Die Radfahrer und Mopeds, wie schon gewohnt, manchmal auch auf der falschen Fahrbahnseite. Wir erreichen die Stadtgrenze und Gino beschleunigt. Die Straße ist regennass und der Verkehr erheblich. Ich spüre wie meine Frau den Gurt straff über ihren Körper zieht und mangels Schließe verkrapft am Ende mit einer Hand fest hält. Ich sage ihr nicht, dass bei einem Frontalzusammenstoß die Rückhaltewirkung des Gurtes auf diese Art minimal wäre. Ausschließlich in Außenkurven setzt Gino zum Überholen an, da er ja rechts sitzt und nur dann auch erkennen kann ob etwas entgegen kommt. Logisch. Die Überholvorgänge dauern dadurch aber endlos lange, trotz rasender Geschwindigkeit. „Wenn wir weiter mit dieser Geschwindigkeit fahren, sind wir um 7.00 Uhr in Koman“, sage ich zu meiner Frau. „Oder nie“, erwidert sie.

 

Nach etwa 20 Minuten biegen wir von der Hauptstraße auf eine Nebenstraße ein. Die ist etwas holpriger, aber immer noch asphaltiert. Die Geschwindigkeit bleibt die gleiche wie zuvor, gefühlt nimmt sie zu. Wir kommen lebend zu einem Ort namens Veau-Deja. Laut Verkehrschild fahren wir nun durch eine Fußgängerzone, die um diese Zeit mehr eine rege Begegnungszone ist. Gino hupt hie und da und winkt verschiedensten Leuten am Gehsteig zu. Dann macht er zum zweiten Mal Halt. Wieder in einem Hinterhof und wieder vor einem dunklen Eingang, der sich als Tür zu einem Supermarkt entpuppt. Nochmals lädt Gino ein paar Kisten (Mineralwasser, Bier etc.) und Paletten auf den Pick-Up, diesmal jedoch auf die offene Ladefläche. Es ist nun etwa 7.00 Uhr. Die Fahrt geht weiter, ziemlich genau 300 Meter bis zu einer Tankstelle. „Benzin“ sagt Gino. Er meint damit aber nicht das Benzin für seinen Ford, sondern für die Fähre. So erkläre ich mir jedenfalls das Auffüllen von fünf großen, ca. 60 Liter fassenden Plastiktanks. Meine Frau und ich nützen diesen Aufenthalt um uns die noch bettschweren Füße an der Tankstelle zu vertreten. Gino kommt auf uns zu und fragt „Coffee?“. Wir freuen uns darüber und ordern einen Cappucino und einen Espresso. Dann schaut Gino mir tief in die Augen uns sagt mehr bestimmt als fragend „and Raki!“. „No thank you, it's to early“, erwidere ich, merke aber dass Gino das nicht verstehen kann und das nicht nur deshalb, weil er kein Englisch spricht. Die Enttäuschung ist ihm förmlich ins wettergegerbte Gesicht geschrieben und deshalb willige ich schließlich doch ein und sage: „Ok, a small one“. Gleichzeitig fällt mir ein, dass wir bei der Cappucino-Bestellung für meine Frau darauf hinweisen müssen, dass dieser nicht gezuckert sein soll. Das ist uns nämlich am Vortag in einem Cafe in Shkoder passiert. Deshalb gehe ich in die Tankstelle und mache den Tankwart und gleichzeitigen Barista darauf aufmerksam, in dem ich „Cappucino, please not sweet“ sage. Der Tankwart sagt „OK“ und kurze Zeit später erscheint Gino mit einem Cappucino, zwei Espressi und zwei Viertelliter Gläsern Wasser.

 

„Die haben hier eine ganz ordentliche Kaffeekultur“ denke ich mir, bevor sich das Wasser als hochprozentiger Raki entpuppt. Ich lasse meine Frau daran riechen und sie schüttelt sich vor Lachen, da sie erstens weiß, dass ich Schnaps überhaupt nicht gerne trinke, zweitens, wenn schon, dann nicht vor dem Abend und drittens, höchstens ein Stamperl. Sei's drum. Während ich den Raki runterwürge, genießt meine Frau ihren herrlichen ungezuckerten Cappucino. Ich spüle den Schnapsgeschmack dann mit meinem Espresso runter. Um irgend was zu sagen, lalle ich dann zu Gino: „Do you drive every day from Shkoder to Koman and back?“. Während mich Gino verständnislos anblickte und hilfesuchend den Blick des Tankwartes sucht, antwortet dieser: „39 kilometer distance“. Der Mann versteht also doch nicht so gut Englisch, wie ich dachte.

 

Um 7.00 Uhr Früh ist an einer idyllischen Tankstelle in Veau-Deja "Auftanken" angesagt - mit Benzin und Raki

Endlich geht es weiter. Gut 20 Kilometer sollten wir schon hinter uns haben, also kann es ja nicht mehr lange dauern, bis wir den Komani-See und damit die Fähre erreichen. Leider endet mit dem Ortsschild von Veau-Deja auch die asphaltierte Straße. Sogar Gino fährt nun statt 80 – 100 km/h (oder zeigt der Tacho die Geschwindigkeit in Meilen an?) nur mehr etwa 20 – 30 km/h. Jedes normale Auto würde bei dieser Geschwindigkeit auf dieser Straße nach kürzester Zeit einen Achsbruch erleiden. Henry! Dein Ford nicht! Spätestens jetzt bin ich froh, unserem Mini diese Fahrt nicht angetan zu haben. Wir überholen einen großen Reisebus, der mit etwa 5 km/h fährt. Überschlagsmäßig braucht der noch vier Stunden bis Koman. Auch ein alter Mercedes wird von Gino, natürlich in einer unübersichtlichen Außenkurve, überholt. Mir ist wohlig warm, und macht das nun überhaupt nichts mehr aus. Die Mercedes-Dichte ist in Albanien übrigens höher als in Sindelfingen. Zumindest kommt es mir so vor. Dann taucht eine Ziegenherde als lebendes Straßenhindernis auf. Statt die Geschwindigkeit zu verringern gibt Gino Gas und hupt. Wie Moses das Meer, teilt er dadurch die Ziegenherde und braust mitten durch. Die Szenerie ist fantastisch. Immer am Berghang entlang mit ständigem Blick auf den bereits aufgestauten Drin-Fluss führt uns der schottrige, durch den Nieselregen aber nicht staubige Weg. Gino fährt fast die gesamte Strecke einhändig. Die andere Hand braucht er zum Telefonieren oder Nasebohren. Reißt der Kontakt zum telefonischen Gesprächspartner ab – was in diesem bergigen Niemandsland häufig der Fall ist – kommt halt wieder die Nase dran.

 

Nach einer knappen Stunde Fahrzeit seit unserem letzten Stopp sehe ich am Horizont eine Art Talschluss. Ich deute darauf und frage „Koman?“. „Tri Kilometri“ antwortet Gino und ich bin erleichtert, da ich noch nicht weiß, dass wir für diese drei Kilometer mehr als eine halbe Stunde brauchen werden. In dieser Zeit treffen wir einen entgegenkommenden Moped-Fahrer. Gino bleibt stehen und unterhält sich freundschaftlich mit ihm. Hätte mich auch gewundert, wenn der einsame Moped-Fahrer Gino nicht gekannt hätte. Dann, es ist 8.30 Uhr, sind wir endlich in Koman. Der Ort besteht aus etwa zehn Häusern und einer Brücke über die Drin. Von einem See oder einem Fähren-Anleger keine Spur. Wir überqueren die Brücke auf der ein Mann mit einer gelben Warnweste steht. Gino bleibt stehen und unterhält sich freundschaftlich mit ihm. Der Mann verabschiedet sich von Gino und streckt mir zum Abschiedsgruß seine Faust entgegen. Ich fauste retour, wie man das unter alten Bros so macht.

 

20 Meter weiter bleibt Gino wieder stehen, steigt aus und geht zu einem Mann hinter einer Open-Air-Bar. Er unterhält sich mit diesem und trinkt ein Glas „Wasser“. Wir sind im Urlaub und die Wirkung des Raki hält noch an. Deshalb bin ich sehr geduldig. Ich kenne Menschen, die das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wären. Drei deutsche Motorradfahrer überqueren die Brücke und sehen sich ratlos um. Dann fahren sie nach links und verschwinden hinter einer Kurve. Gino steigt wieder ein und fährt den gleichen Weg. Hinter der Kurve dann ein Schranken vor dem die drei Motorradfahrer stehen. Daneben steht ein Polizist. Als dieser Ginos Auto erblickt öffnet er den Schranken und deutet Gino stehen zu bleiben. Die beiden unterhalten sich und der Polizist gibt Gino ein Funkgerät mit auf den letzten Kilometer unserer Anreise. Hinter uns schließt der Polizist den Balken, die drei Motorradfahrer schauen so ratlos, wie schon auf der Brücke. Wir fahren eine neu asphaltierte kurze Bergstraße bergauf, bis wir einen weiteren Schranken, vor einem Tunnel erreichen. Dort steht wieder ein Polizist, dem Gino das Funkgerät übergibt. Dann wird der Schranken geöffnet und Gino rast durch das unbeleuchtete, einspurige und keineswegs gerade Tunnel. Das ist wie Hochschaubahnfahren, nur mit der ständigen Gefahr eines Gegenverkehrs. Keiner kommt entgegen.

 

300 Meter später liegt der aufgestaute Komani-See vor uns. Wir befinden uns auf einer betonierten Plattform, auf der etwa 10 Autos Platz haben. Sechs stehen schon dort. Am Rande der Plattform liegen zwei Autofähren gleicher Bauart. Auf der etwas größeren, neu und in einem schönen Blau lackierten, steht „Berisha“, wie der Nachname des ehemaligen Red Bull Salzburg Spielers Valon Berisha oder seines bei Rapid Wien spielenden Bruders Veton. „Our Traghetto?“ sage ich zu Gino in einem englisch-albanisch-italienisch Mischmasch und deute auf die Berisha-Fähre. „No“ sagt Gino, und zeigt auf die andere Fähre, deren weißer Anstrich durch ein wenig elegantes aber dafür authentisches Rostrot übertüncht wird. „Rozafa“ steht auf dieser Fähre und ich kenne keinen bekannten Fußballer gleichen Namens. Ist eigentlich klar, dass die Rozafa unsere Fähre ist, steht doch dieser Name auch auf der gedruckten Fahrkarte, die wir schon im Hotel am Vortag erhalten haben. Ich habe es – wahrscheinlich rakibedingt – nur vergessen.

Die Berisha und die Rozafa am Bootsanleger am Komani See friedlich und noch unbeladen nebeneinander vereint

Neben den Autos und den Fähren gibt es auch noch drei Cafe-Restaurants, auf einem steht sogar „Hotel“ drauf. Die anderen beiden sind Baracken, in Wien sagt man Tschochs zu solchen Etablissements. Im Speisesaal des „Hotels“, mit dem Charme einer Bahnhofswartehalle, trinke ich noch einen Espresso. Hinter der Theke sehe ich Gino, dessen Wagen inzwischen aus- und abgeladen wird, wie er ein weiteres Glas „Wasser“ in einem Zug austrinkt und sich mit praktisch jedem im Raum unterhält.

 

Da kommt mir der Gedanke, was Gino wohl während unserer rund 7-stündigen Fährfahrt samt Aufenthalt tun wird? Zurück fahren und hoffentlich wieder kommen? Hier bleiben und hoffentlich nicht weiter Raki trinken? Die Ungewissheit dauert nur etwa 15 Minuten, bis zur tatsächlichen Abfahrt. In dieser Zeit wird der Schranken zur Bergstraße und zum Tunnel geöffnet und die dort wartenden Autos mit den Passagieren und natürlich auch die drei deutschen Motorradfahrer durchgelassen. Meine Frau und ich sind schon an Bord und haben uns im geschlossenen Zwischendeck, direkt neben dem Sitz des Kapitäns und des großen Steuerrades, die besten gepolsterten und fußfreien Sitze in der ersten Reihe und am Fenster, reserviert. Im Theater versuchen wir auch immer so weit wie möglich vorne zu sitzen. Um fünf Euro ist das dort aber leider kaum möglich.

 

Die anderen Passagiere besteigen die beiden Fähren, die Autos, Motorräder und auch einige Räder werden routiniert auf dem Deck darunter geschlichtet. Die Berisha ist zuerst voll und fährt um etwa 9.20 Uhr ab. Die Rozafa mit uns und den drei Deutschen an Bord folgt fünf Minuten später. Mit dabei ist auch Gino, der eine kleine Mineralwasserflasche in der Hand hält. Ich bin beeindruckt und beruhigt, denn kurzzeitig dachte ich schon unser Fahrer und nunmehrige Begleiter wäre ein Säufer. Außerdem bin ich froh, dass er mit uns fährt, denn so können wir sicher sein, dass er uns auch zurück bringt.

 

Schon am Fähranleger kannten Gott und die Welt unseren Gino. Dass der fröhliche Glatzkopf nun aber auch das Steuer der Fähre übernimmt ist für mich doch überraschend. Ich beobachte Gino, der sich am Steuerrad drehend und am Captain-Chair sitzend, wie ein kleines Kind freut. Er streckt mir immer wieder den hohen Daumen entgegen und sagt dazu „OK?“. Ich okaye freundlich zurück.

 

Meine Frau hat es sich inzwischen draußen im Heck des Zwischendecks und mangels Sitzgelegenheit, am Boden sitzend, gemütlich gemacht. Wie wir es von den großen Fähren, die von Italien nach Griechenland fahren, kennen, ist dies der windstillste Platz auf Schiffen. Trotz des Sturms und leichten Regens ist es hier gut auszuhalten. Die drei Deutschen sitzen als einzige am ungeschützten Oberdeck. In voller Motorradmontur. Hart, aber nicht ganz so hart wie Krupp-Stahl.

 

Irgendwann übernimmt dann, der in einem wenig standesgemäß aussehenden Trainingsanzug gekleidete echte Kapitän, das Steuer. Ich geselle mich zu meiner Frau und wir genießen das herrliche Panorama des Komani-Sees, der von steilen, teils schroffen, teils bewaldeten Bergen eingefasst wird.

Spektakulär steile Berge und schroffe Felsen säumen die Ufer des Komani-Sees

Plötzlich steht Gino neben uns. Mit vor landschaftlicher Ergriffenheit glasigen Augen – oder ist es doch schon der Alkohol? – lädt er uns auf ein Bier ein... und Raki. Weil's schon 10.00 Uhr ist und ich ihn nicht beleidigen möchte, nicke ich, während meine Frau den Raki dankend ablehnt. Ich verstehe das nicht ganz, denn Bier vor dem Mittagessen hat sie früher auch nicht getrunken. Gino greift nun von Außen durch eine Glasscheibe in eine Kühltruhe, die im Heck der geschlossenen Kajüte platziert ist. Dort fischt er drei kleine Bierflaschen und eine kleine Mineralwasserflasche heraus. Diese stellt sich als seine persönliche, randvoll mit Raki gefüllte Flasche heraus. So werde ich der Illusion des verantwortungsvollen Fahrers beraubt. Er reicht mir die Flasche und ich nehme einen kräftigen Schluck. Nach dem Bier beginnt der Raki mir nun zu schmecken.

 

Wir tuckern weitere rund 2,5 Stunden über den See Richtung Fierse, nicht ohne uns zu fragen, wie die Menschen, in den an den Berghängen vereinzelt auftauchenden Häusern, hier leben können. Keine Straßen führen zu diesen Häusern, die offensichtlich nur per Boot erreichbar sind. Um 12.15 Uhr sehe ich vor uns die Berisha wieder, die an einem neu betonierten Anleger festmacht. Unsere Fähre manövriert hingegen bei einem am Ufer stehenden Rohbau nach links und macht sich ebenfalls zum Anlegen bereit. Allerdings gibt es hier keinen Anlegeplatz und schon gar keinen betonierten. Gino steht inzwischen hektisch am Bug der Fähre und gibt dem Kapitän Anweisungen. Die Ladeklappe am Bug wird ausgefahren. Das Schiff fährt nun langsam auf das Erd-/Schotterufer zu und die Ladeklappe bohrt sich in den losen Untergrund.

Beim Anlegen in Fierse wird die Ladeklappe der Fähre einfach in den Erd-/Schotterboden gerammt

Stadt ist übrigens keine in Sicht, dafür ein paar Löcher zwischen dem Ende der Ladeklappe und dem recht steilen Schotterufer. Diese Löcher werden von Gino und einem weiteren Helfer mit alten Tauen und Holzpflöcken gestopft. Die abfahrenden Autos müssen etwas Schwung nehmen um diese Hindernisse zu überwinden und die steile Auffahrt am losen Boden auf die Straße zu schaffen. Einer, der offensichtlich wenig trial-geschulten deutschen Motorradfahrer, schafft es beim ersten Versuch nicht. Der hatte aber auch schon beim Abstellen des Motorrades auf die Fähre seine Schwierigkeiten. Irgend wann stehen meine Frau, die Crew samt Gino und ich, dann alleine am Boot. Mangels sichtbarer Stadt, sind meine Frau und ich unschlüssig, was wir tun sollen. Gino und die Crew gehen zu dem Rohbau am Ufer und Gino fragt, ob wir dort einen Kaffee trinken wollen. Wir lehnen ab, weil wir uns die Füße ein wenig vertreten und die Gegend erkunden wollen. Zuvor fragen wir aber noch wann die Fähre wieder zurück fährt. „One hour“ sagt Gino und der sportliche Kapitän nickt dazu.

 

Es ist 12.20 Uhr. Wir gehen auf der Straße etwa 20 Minuten, kommen aber außer an der bestens ausgebauten Anlagestelle der Berisha-Fähre vorbei, nirgend wohin. Keine Stadt, kein Cafe, kein Nichts. Nur die Straße, eine Leitplanke und der noch immer aufgestaute See umrahmt von Bergen. Wir setzen uns also auf die Leitplanke, packen unsere beiden Sandwiches, die uns von Hotel mitgegeben wurden, aus und essen diese mit Seeblick. Wenigstens hat es zu regnen aufgehört. Um 12.55 Uhr machen wir uns gemütlich auf den Rückweg. Zeit genug bis 13.20 Uhr. Wir sehen wie die Berisha ablegt und winken den Passagieren zu. Nach der letzten Kurve vor unserem „Anlegeplatz“ sehen wir dann unsere Fähre mit bereits hochgeklappter Ladeklappe und Gino am Ufer, der das straff gespannte Befestigungstau auf der linken Seite der Fähre fest hält. Ein Gehilfe tut das gleich auf der anderen Seite. Die Fähre ist also nicht mehr festgemacht und offensichtlich zur Abfahrt bereit. Ich winke Gino zu und wir beginnen zu laufen. Gino sieht uns und die Ladeklappe wird wieder runter geklappt, sodass wir über die inzwischen wieder offenen Löcher an Land auf die Fähre springen können. Gino und sein Helfer tun das Gleiche und wir fahren ab. Es ist 13.10 Uhr. Gino deutet uns, dass alles gut sei. Wir verstehen aber trotzdem nicht warum die Fähre schon nach 45 Minuten ablegen wollte und nicht wie ausgemacht nach einer Stunde. Da kommt die Erleuchtung. Mit „one hour“ war nicht eine Stunde sondern ein Uhr gemeint. Wir hätten nur den Fahrplan der Fähre und nicht das Englisch Ginos sowie des Kapitäns ernst nehmen sollen.

 

Ein einziger Camper, mit einer 6-köpfigen dänischen Familie, ist außer uns an Bord. Weil der Wind nicht mehr ganz so stark bläst und außerdem von hinten kommt, verbringen wir die gesamte Rückfahrt auf dem Aussichtsdeck. Wir malen uns dabei aus, wie lange die Dänen mit ihrem Comfort-Camper wohl für die Fahrt von Koman nach Shkoder brauchen werden. Weiter werden sie es heute sowieso nicht schaffen. Hie und da begebe ich mich in das Zwischendeck, um aus der Kühltruhe ein Bier zu holen. Meine Frau möchte eigentlich lieber Mineralwasser, aus Angst Ginos Wasserflasche zu erwischen, bringe ich ihr aber lieber auch ein Bier.

Gino und ein Helfer machen sich fürs Anlegen in Koman bereit. Im Hintergrund die Staumauer des Komani-Sees und der Anlegeplatz.

Um 16.10 Uhr legen wir in Koman wieder an – also auf der Plattform vor dem Tunnel. Der Camper mit den Dänen verschwindet im Tunnel während Gino uns zu verstehen gibt, dass sich unsere Rückfahrt noch ein wenig verzögert. Also begeben wir uns in die Hotel-Bahnhofshalle und trinken einen Espresso und einen Capuccino. Gino isst derweil mit der Rozafa-Crew Cevapcici mit Pommes. Danach geht er mit dem ebenfalls in einem Traininigsanzug gekleideten „Hotel-Manager“ die Einkaufsliste für den nächsten Tag durch. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Gino an der Fähre und am Hotel irgendwie mitbeteiligt ist und sein Nachname Rozafa lautet.

 

Das ganze Prozedere dauert 45 Minuten. Auf dem Fähranleger befindet sich kaum noch wer. Endlich fahren wir wieder ab. Mit 60 – 80 km/h geht es durch das Tunnel, nun bergab. Da ich weiß, dass auf der anderen Seite ein Polizist vor einem geschlossenen Schranken steht und den Verkehr regelt, bin ich entspannt. Wir verlassen das Tunnel, der Schranken ist offen, Polizist ist keiner in Sicht. Dann geht es wieder auf der gut asphaltieren Straße hinunter in den Ort. Am Ende der Straße steht nun doch wieder ein Polizist, der uns aufhält und sich mit Gino bespricht. Auf dem Parkplatz davor steht ein Touristenpärchen, das offensichtlich die Fähre am nächsten Tag nehmen will und einen Schlafplatz sucht. Gino nickt dem Polizisten zu, wendet das Auto und deutet dem Pärchen uns in ihrem Auto zu folgen. Dann fährt er die ganze Strecke wieder retour. Auf meine Frage, warum das Pärchen die Strecke nicht alleine fahren kann antwortet Gino „Polizia“, auch wenn kein Polizist mehr zu sehen war. Nun gut, wir helfen einem Touristenpärchen und die Zeitverzögerung hält sich in Grenzen. Maximal eine halbe Stunde, schätze ich. Ob die beiden Hilfesuchenden mit ihrem „Hotel am See“ wirklich glücklich wurden, kann ich nicht sagen. Meine Frau hat das „Hotel“ nach unserer Rückkehr in Shkoder gesucht und auch gefunden. Für einen Zimmerpreis von 20 Euro kann man dort mit Blick auf eine Staumauer und 2 Baracken-Cafes übernachten. „Die sind mit ausgezeichneten 5,6 Punkten bewertet“, sagt meine Frau. Sie denkt 6 Punkte sind das Maximum. Ich sage ihr, dass bei booking.com 10 Punkte die Maximalbewertung sind und jede Bewertung unter 8 Punkten grottenschlecht ist. 5,6 Punkte habe ich überhaupt noch nie gesehen. Meine Frau ist verwundert aber gleichzeitig bestätigt diese Bewertung unseren äußeren Eindruck des Hotels.

 

Nachdem Gino nun das etwas verdutzt dreinblickende Pärchen in „seinem“ Hotel abgeliefert hat, geht es wieder durchs Tunnel und die gute Straße in etwa 10 Minuten nach Koman. Dort macht er beim Barbesitzer an der Brücke abermals Halt, nicht ohne sich dafür zu entschuldigen und auf einen Kaffee oder Raki einzuladen. Ich nehme diesmal ein Bier, meine Frau trinkt bei mir mit. Die Bar befindet sich – wie schon erwähnt – am Ende einer Brücke und das Ende des Brückenbaus entpuppt sich als weiteres Hotel mit etwa fünf Schlafkojen. In einem Brückenpfeiler ist auch das Restaurant dieses Hotels untergebracht. Drinnen ist es allerdings so dunkel ist, dass ich nicht einmal die Marke des Biers erkennen kann, das mir der Hotel-Manager aus einer Flasche in ein Glas einschenkt. Nur im äußersten Notfall würde ich mich in diese „Höhle“ setzen und etwas essen. Meine Frau nicht einmal dann. Der „Hotel-Park“ davor ist schön am Wasser gelegen und das Bier schmeckt auch. Ein weiteres hier gestrandetes Touristenpärchen mit einem Campingbus erscheint auf der Bildfläche. Es scheint, die Frau will heute in einem ordentlichen Bett statt im Wagen übernachten. Nach Besichtigung der fünf zur Verfügung stehenden Hotel-Schlafkojen entscheidet sie sich doch für den Wagen. Nach etwa 15 Minuten Verhandlung zwischen dem Hotel-Besitzer und Gino, mit zumindest je einem voll gefüllten „Wasser-Glas“, wird unsere Rückfahrt fortgesetzt. Genau 100 Meter weit.

Der Eingang in den Speisesaal des idyllischen Hotels in Koman.

Denn auf der Brücke kommt uns der Mopedfahrer vom Hinweg mit dem Warnwestenträger, den wir ebenfalls schon kennen und der am Rücksitz sitzt, entgegen. Gino stoppt das Auto und unterhält sich, in der Mitte der einspurigen Brücke stehend und durch das offene Autofenster, mit beiden angeregt. Drei bis fünf Minuten lang, keine Ahnung worüber. Der Warnwestenträger faustet mir ghettomäßig wieder zu und wir fahren weiter. Endlich zurück auf der Schlaglochpiste, deren Löcher im Laufe des Tages nicht kleiner geworden sind. Obwohl die Dänen nur etwa 1,5 Stunden Vorsprung haben, können wir sie überraschenderweise nicht einholen. Auf etwa halber Strecke kommen uns plötzlich vier Motorräder mit insgesamt sieben Personen entgegen. Gino ist ganz aufgeregt und beginnt hektisch zu telefonieren. Sinngemäß bekommen wir mit, dass Gino die sieben potenziellen Übernachtungsgäste in Koman, wir nehmen an im See-Hotel, ankündigt und den Gesprächspartner anweist, diese rechtzeitig, möglichst schon vor der Brücke, abzufangen. Der Gesprächstpartner dürfte etwas begriffsstutziger als wir sein, denn Gino wird ab und zu richtig laut. Während der Gespräche reißt immer wieder die Verbindung ab, was seiner Laune nicht gerade zuträglich ist. Wir malen uns inzwischen das Szenario aus:

 

Die sieben Motorradfahrer fahren in Koman ein und kommen zur Brücke. Dort steht wahrscheinlich der Warnwestenträger, hält sie auf und bietet ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit in einem Hotel am Komani-See mit See-Blick um 10 Euro pro Person. Sollten die Motorradfahrer die booking.com-Bewertung des Hotels nicht kennen, wovon auszugehen ist, werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit akzeptieren. Dann wird Ginos Mopedfahrer-Freund vorausfahren bis zum ersten Schranken der schönen Bergstraße. Der Polizist, der vorher etwas „Kaffeegeld“ vom Mopedfahrer erhalten hat, öffnet fröhlich winkend den Schranken. Der zweite Polizist, so er tatsächlich noch vor dem Tunnel Dienst hat, macht das Gleiche. Er ist ebenfalls Kaffeetrinker. Die Motorradfahrer sind ob des Begleitservices und der freundlichen Polizei begeistert. Und dann kommen Sie zum See-Hotel ohne Umkehrmöglichkeit, weil die Schranken hinter ihnen geschlossen sind….

 

Nach den etwa halbstündigen Telefonaten ist Gino zufrieden und widmet sich mit der frei gewordenen Hand wieder seiner Nase. Wir kommen an Kühen vorbei. „Lupa“ sagt Gino und das ist nun das einzige albanische Wort, das ich an diesem Tag lerne und mir auch merke.

 

Wir kommen wieder nach Veau-Deja und Gino steuert einen Metallhändler an um ein Ersatzteil für die Fähre zu besorgen. Es ist der gefühlte 20 Halt während der gesamten Fahrt. „Wir sind im Urlaub und haben heute sowieso nicht mehr vor, außer Abendessen“, denke ich mir gleichmütig und ich erleichtere mich auf der anderen Straßenseite hinter einem LKW-Wrack, weil die Biere des Tages treiben. Wir steigen wieder ein und fahren leider nicht wieder weiter. Denn als Gino den Wagen startet hört er ein seltsames Geräusch. Das hintere Nummernschild ist lose. Mir ist das Scheppern schon während der ganzen Fahrt aufgefallen, ich konnte es nur nicht lokalisieren. Gino steigt wieder aus und holt sich von dem Ersatzteilhändler einen Schraubenzieher und 4 Schrauben. Die Schrauben finden aber leider keinen Halt. Ein Mann kommt hinzu und stellt fest, dass man für die Befestigung der Schrauben ein Spezialwerkzeug braucht. Drei Minuten später taucht er mit einem Gerät, das ähnlich einem Büroklammer-Tucker funktioniert, wieder auf. Das Nummernschild ist wieder fest und wir setzen unsere Rückreise fort.

 

Wir nehmen einen etwas anderen Weg. Gino merkt, dass mir das auffällt und sagt „poco kilometri“. „Also eine Abkürzung“ übersetze ich meiner Frau, was nicht notwendig gewesen wäre. Um zirka 20.00 Uhr erreichen wir Shkoder. Auf der Einfahrtsstraße schreit Gino einem in einem Kaffee sitzenden Mann etwas zu. Es ist ungefähr der fünfzigste „Bekannte“ mit dem Gino in diesen nunmehr 14 Stunden, die wir gemeinsam verbringen, kommuniziert. Aufgrund des starken Verkehrs springen wir in der Nähe unseres Hotels aus dem Auto. Die Verabschiedung ist demgemäß kurz, aber trotzdem herzlich. Wir haben einen erlebnisreichen Ausflugstag hinter uns und sind todmüde.

 

Gino macht das offenbar täglich und das ringt uns Bewunderung ab. Die Rezeptionistin fragt uns am folgenden Tag, wie unser Ausflug gewesen ist und wir berichten begeistert davon. Sie teilt uns mit, dass der Fahrer zum ersten Mal für sie tätig geworden und unser Feedback wichtig ist. Er sei einfach bei der Hoteltüre rein marschiert und habe seine Visitenkarte sowie einen Pack Fährenkarten hinterlassen. Das wundert uns überhaupt nicht. Das ist Gino – nicht nur ein Tausendsassa sondern auch ein guter Geschäftsmann, wie wir mehrmals am Weg feststellen konnten. Wir sagen natürlich nur das Beste über ihn.